Jacques Lacan
... oder schlimmer
Das Seminar, Buch XIX
Textherstellung von Jacques-Alain Miller
Aus dem Französischen von Hans-Dieter Gondek
Unter Redaktion von Natalie Wülfing und Jérôme Lecaux
»Le Séminaire de Jacques Lacan. Livre XIX. … ou pire« erschien bei Èditions du Seuil, Paris 2011
Der »kleine Unterschied« – das »Verhältnis der Geschlechter«; lange Zeit und noch bis in die neuere Psychoanalyse hinein pflegte man dieses durch Komplementär- oder Entsprechungsverhältnisse innerlich zu befrieden und in diesem Sinne normativ Einfluss zu nehmen. Lacan bereitet dem im vorliegenden Seminar aus dem Jahr 1971-72 mit zunehmender Radikalität ein Ende. »Es gibt kein Geschlechtsverhältnis« bricht nicht nur mit allen Vorstellungen einer natürlichen, gott- oder menschgewollten grundsätzlichen Harmonie zwischen Mann und Frau, sondern bestreitet auch sämtliche Maßeinheiten und Verrechenbarkeiten im Sinne übergreifender Verhältnisse, seien sie physiologisch oder psychologisch angelegt.
Dem phallischen Genießen wird ein genuin weibliches Genießen gegenübergestellt, ohne dass das eine aus dem anderen zu entwickeln wäre.
Weitere Konsequenzen daraus zieht Lacan zum einen für die klassische Philosophie, die bis hin zu Heidegger die Frage der Differenz der Geschlechter immer einem fundamentalen Universalismus unterordnete, zum anderen für die Mathematik, nämlich für die Konstruktion des Einen und der Eins, sprich: der Einheit als All-Einheit oder Totalität und der Einheit der spezifischen Differenz und folglich auch der Abzählbarkeit. Angesichts der differenzierten Überlegungen Lacans erscheint die gegenwärtige Sex-Gender-Debatte als teilweise geradezu unterkomplex.
Jacques Lacan hielt dieses Seminar 1971-1972 ab. Die Übersetzung von Hans-Dieter Gondek wurde durch Natalie Wülfing und Jérôme Lecaux bearbeitet.